Montag, 08 Dezember 2014 18:14

Tagebuch 203.Eintrag

 

Montag, 01 Dezember 2014 12:03

Brief von Eugen Maria Schulak 202.Eintrag

 

An die Politik

für Roland Düringers Briefsammlung

von Eugen Maria Schulak

 

Ich wüsste nicht, welche konkreten Wünsche ich an die Politik hätte, außer den allgemeinen und ganz aussichtslosen Wunsch, dass sie sich doch, nach reiflicher Überlegung, zurücknehmen möge. Sie möge doch nach und nach, ganz gezielt und aus freien Stücken weniger wichtig werden, weniger Einfluss nehmen, weniger ins Leben der Menschen regieren und schließlich, nach einer Zeit der Gewöhnung und des freiwilligen Entzugs, bedeutungslos werden. Das wünsche ich mir, weil ich davon überzeugt bin, dass Politik mehr Schaden bringt als Nutzen stiftet. Sie ist ein ärgerlicher Selbstläufer geworden. Niemand braucht die Politik – und ich sage das, obwohl ich weiß, dass heute alles von der Politik abhängt und abhängig ist.

 

Ich weiß um die Lächerlichkeit meines Wunsches bescheid. Er scheint ganz und gar unerfüllbar, weil es doch nicht möglich sein kann, dass Politik sich freiwillig zurücknimmt und so ganz klaglos in die Bedeutungslosigkeit verschwindet. So etwas scheint gerade bei der Politik undenkbar. Und es scheint für die meisten Menschen auch ganz unmöglich zu sein, sich eine Welt vorzustellen, in der die Politik keine Rolle mehr spielt. Was machen wir denn, wenn es keine Politik mehr gibt? Sind wir nicht völlig verloren und ausgesetzt in einer grausamen Welt, in der uns niemand mehr beschützt und zuhilfe eilt?

 

Also, ich habe diese Ängste und Sorgen nicht. Ich verbinde mit einem politikarmen bis politikfreien Zustand nichts, wovor ich mich fürchten müsste. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, vor welchen Dingen oder Ereignissen ich mich in diesem Fall fürchten sollte. Deshalb habe ich ja auch diesen Wunsch nach weniger Politik, weil ich es als eine Befreiung empfinden würde.

 

Damit mein Wunsch möglichst in Erfüllung geht, bemühe ich mich, Tag für Tag seit vielen Jahren, der Politik überhaupt keine Beachtung mehr zu schenken, sie völlig zu ignorieren. Ich bleibe hier hartnäckig und gebe dieses Bemühen nicht auf, obwohl sich die Politik mir aufdrängt wie ein bettelnder Hund. Bei jeder Gelegenheit, die sich mir bietet, rede ich schlecht über sie, mache sie lächerlich vor allen Leuten. Nicht dass ich mir einbilden würde, dass damit mein Wunsch gleich in Erfüllung gehen könnte. Doch ich habe zumindest das gute Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein.

 

Ich möchte mich hier nicht über politische Skandale beklagen. Skandale sind nur eine notwendige Folge der vielen Möglichkeiten, die Politik heute hat. Diese Möglichkeiten hätten ihr niemals zugestanden werden dürfen. Skandale tun deshalb nichts zur Sache. Es ist die Allgegenwart des Politischen, die ich als störend empfinde, die Existenz der Politik an sich, dass niemand mehr an ihr vorbeikommt.

 

Ich wünsche mir wirklich, dass die Politik verschwindet. Ich wünsche mir eine Welt, in der niemand gezwungen ist, Menschen oder Inhalte zu unterstützen, von denen er nicht überzeugt ist. Richtig wäre, dass niemand verpflichtet ist, an irgendjemanden irgendetwas ohne eigenes, freies Einverständnis abzuliefern, sei es Geld, seien es Sachen oder Gedanken.

 

Davon sind wir aber noch sehr weit entfernt. Die Politik hat heute überall die Finger drin und jeder hat seine Finger in der Politik. Niemand kann sich diesen Verflechtungen entziehen, weil jeder, sobald er ein produktives Leben führt, Tribute abzuliefern hat. Diese sind der Stoff, aus dem die Handlungen der Politik gewoben werden. Und weil sich jeder von diesem Stoff auch etwas abschneiden kann oder abgeschnitten bekommt, wenn er darum bittet, hängt auch bald jeder an den Segnungen der Politik. Die Politik ist heute überall. Sie durchzieht wie das Myzel der Pilze den Waldboden, so dass jederzeit, wenn die Gelegenheit günstig ist, ein Schwammerl zum Vorschein kommt.

 

Wen kann man dafür verantwortlich machen? Grundsätzlich jeden, weil jeder entweder durch seine Tribute, die er abliefert, die Politik finanziert oder sich durch die Scherzeln, die er sich von politischen Institutionen abschneidet, sein Leben erleichtert. Die meisten machen beides, treten sozusagen in einer Doppelrolle auf, was ihre Bindung ans Politische noch verstärkt. Es sieht ganz so aus, als ob es keine Täter und keine Opfer, sondern nur mehr Mitläufer geben würde. Das würde auch die Tatsache erklären, dass es heute, in unseren Breiten, keinen ernstzunehmenden Widerstand gegen die Politik mehr gibt, ich meine einen Widerstand, der der Politik tatsächlich weh tun würde, wie etwa die Tributpflicht zu verweigern oder keine Geschenke mehr anzunehmen oder sie eben völlig zu ignorieren, das heißt sie in nichts zu unterstützen, ihr jegliche Aufmerksamkeit zu entziehen. Wäre das der Fall, wäre die Politik, wie wir sie heute kennen, beendet.

 

Doch so gut wie jeder arrangiert sich mit den bestehenden Verhältnissen. Kaum jemand beschwert sich über die Politik an sich, sondern nur über vermeintliche Fehler, die sie gemacht hat. Doch Fehler machen wir alle. Wie sollte es möglich sein, dass gerade die Politik keine Fehler macht? Fehler lassen sich außerdem ausbessern, im Fall der Politik eben mit mehr Politik, mit besserer Politik. Deswegen gibt es ja auch immer mehr Politik. Und so kommt es, dass wir im Grunde alle recht zufrieden sind. Oder? Haben wir also die Politik, die wir wollten?      

 

Eigentlich schon. Ja, wir haben die Politik, die wir wollten. Wir haben ihr zugesehen und sie werken lassen. Aber wir haben ein lauwarmes und schlampiges Verhältnis zu ihr entwickelt. Sie ist uns langweilig, irgendwie egal geworden. Wir benutzen sie, aber sie bedeutet uns nichts mehr. Die meisten meinen – ganz zurecht – irgendwelche Vorteile, wenn auch kurzfristige, aus ihr ziehen zu können. Deshalb hängen sie ihr an.

 

Dankbar ist ihr interessanterweise niemand, selbst jene nicht, die von ihren Zuweisungen und Gnaden zur Gänze abhängig sind. Das betrifft mittlerweile die Mehrheit der Bevölkerung. Deswegen ist die Politik auch so erstaunlich stabil und gleichförmig. Denn kaum jemand könnte es sich leisten, dass sich im Politischen viel ändert. Und trotzdem: So gut wie alle Menschen geben im Gespräch offen zu, dass sie über die sozialen und politischen Entwicklungen der Gegenwart beunruhigt sind.

 

Wir leben in gespenstischen Verhältnissen. Aber ich habe ja schon gesagt, dass ich mich vor Gespenstern nicht fürchte.

 

 

Montag, 01 Dezember 2014 12:00

Tagebuch 201.Eintrag

 

 

Donnerstag, 06 November 2014 12:25

Tagebuch 200.Eintrag

 

 

Dienstag, 04 November 2014 08:45

Tagebuch 198.Eintrag

 

 

Mittwoch, 05 November 2014 08:35

Brief von Alexander Spritzendorfer 199.Eintrag

 

 

 

 

Was ich von der Politik erwarte.

 

 

 

Ich erwarte von der Politik, dass sie Chancengleichheit herstellt.

 

 

 

Für jene, die schon heute alle Chancen haben, mag das nicht wichtig - nein geradezu bedrohlich sein. Warum sollten die Mächtigen der Welt Chancengleichheit wollen? In einer gleichen Gesellschaft brauchen die Talentierten keine Privilegien um erfolgreich sein zu können. Und nur in einer ungleichen Gesellschaft brauchen die Untalentierten keine Konkurrenz zu fürchten. Die Untalentierten bleiben unter sich und umso untalentierter ihre Kinder, umso ungleicher muss die Gesellschaft werden, um den Talentierten alle Chancen zu nehmen. Der Treibstoff des Kapitalismus ist die Ungleichheit. Also wäre es die ureigenste Aufgabe der Politik den Kapitalismus zu bekämpfen, dem sie aber zunehmend selbst erlegen und ausgeliefert ist. Der Kapitalismus hat die Politik mittlerweile enteignet . „Mehr Privat, weniger Staat“ - dem dümmsten aller Sprüche hat unsere Gesellschaft aus der Hand gefressen und sich wie ein Opferlamm selbst zum Schafott geführt. Jetzt wo viele Staaten schwach und wenige Private stark werden, greifen sie nach unserer Infrastruktur, unserem Wasser, unserer Gesundheitsversorgung und unserer Pensionsvorsorge. Und das gefährlichste ist, dass die Politik zulässt, dass uns die Kapitalisten besser kennen als wir selbst. Jeder Schritt, jede Aktion, jede Äußerung wird überwacht, archiviert und aufgetürmt auf Big Data. Die Politik schaut verschämt weg und duldet diesen Überwachungsstaat der Kapitalisten, die zunehmend alles über uns wissen. Alles über jede Einzelne von uns, die wir uns - in bester demokratischer Tradition – politisch organisieren und selbst verwalten sollen. Und wenn die Kapitalisten wollen, dass wir sie gut finden, beginnen sie damit, uns die Politik schlecht finden zu lassen. Wir werden ihrer verdrossen, schimpfen über sie, verweigern unsere Stimme. Und während wir uns zwischen den TV-Werbeblöcken über Mariahilferstraßen ereifern, berauben sie die Gemeinschaft, indem sie ihre von Kapitalisten geführten Banken „retten“. Die Kapitalisten enteignen den Staat und bieten sich gleich selbst als Nachlassverwalter an.

 

 

 

Interessanteste Biographien sind Lebensgeschichten, die vom Aufstieg handeln. Vom finanziellen Aufstieg, den wir mit sozialem Aufstieg gleichsetzen. Vom Tellerwäscher zum Millionär. Und gerade weil diese Aussicht eine solche Faszination auf uns ausübt, nährt der Kapitalismus die Illusion, dass ein Aufstieg immer noch möglich sei. Man muss nur hart genug arbeiten. Wie die Karotte vor unserer Nase, die wir nie erreichen, egal wie schnell wir uns im Laufrad auch bewegen. Nicht wir profitieren vom schnelleren Laufrad, nur jene, welche die erzeugte Energie für sich zu nutzen wissen.

 

 

 

Politik funktioniert zunehmend nach kapitalistischen Grundregeln: Klubs werden gekauft, für Mandate Höchstbeträge bezahlt und Kampagnen in Millionenhöhe geführt. Das Geld dafür stammt aus der Wirtschaft. Die Protagonisten folgen dem Geld. Somit kommen zunehmend Kapitalisten in politische Funktionen, was wiederum die Politikverdrossenheit fördern muss. Es muss das Volk verdrießen, wenn es von Kapitalvertretern vertreten wird. Geräuschlos und von innen können sie ihr „mehr Privat weniger Staat“ Credo demokratisch legitimiert in die Tat umsetzen. Die Kapitalisten in der Politik privatisieren den öffentlich rechtlichen Rundfunk oder schaffen ihn gleich ab. Das Volk sitzt vor dem Dschungelcamp, Austria´s next Topmodell oder vor einer der amerikanischen Serien, in der Staatsangestellte wie armselige, korrupte Idioten darstellt werden. „Je mehr Ablenkung von der Wirklichkeit, umso mehr wird sie von jenen bestimmt, die uns ablenken.“ (Helmut Seethaler, Wiener Zetteldichter)

 

 

 

Ich erwarte von der Politik, dass sie dagegen antritt. Dass sie jene Aufgaben übernimmt, die gemeinschaftlich besser zu erledigen sind als Einzeln (Infrastruktur, Gesundheit, Pension, Bildung). Dass sie allen Bestrebungen der Entsolidarisierung entgegenwirkt. Dass sie weiblicher wird.

 

 

 

Ich erwarte von unserer Gesellschaft, dass sie politischer wird. Ich erwarte mir, dass sich mehr Menschen einmischen. Demokratie ist kein Lehnstuhl. Demokratie erfordert unser politisches Engagement.

 

 

 

Was immer wir von „der Politik“ erwarten, die Forderung richtet sich an uns selbst. Denn wir sind Politik. Das ist die Grundlage unserer Demokratie, unserer „Herrschaft des Volkes“. Wir sind das Volk!

 

 

 

Alexander Spritzendorfer

 

Kulturmanager, Stv. Bezirksvorsteher Josefstadt

 

 



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